Vielfältige Geschichte - Interessante Gegenwart



Herkunft
Aufbau
Geschichte
Im Zeitraffer - Evangelisch in Niederösterreich
Schwerpunkte kirchlicher Arbeit - Gegenwart



Herkunft

Die Evangelische Kirche ist ein Teil der allumfassenden, weltweiten Kirche Jesu Christi, die in der Heiligen Schrift und in den Bekenntnissen der frühen Christen (Apostolisches Glaubensbekenntnis) ihre wesentliche Grundlage hat. Dieses in der Reformzeit der Kirche im 16. Jahrhundert wieder besonders betonte Fundament der christlichen Kirche führte schließlich nicht zu einer Reform der ganzen Kirche, sondern zur Trennung der damaligen westlichen Kirche in eine römisch-katholische Kirche und in eine evangelische Kirche.

Nach evangelischem Verständnis besteht die Aufgabe der Kirche darin, durch Verkündigung und Dienst dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen das Wort Gottes neu und immer wieder hören und damit erreicht werden. Dafür gibt es das Predigtamt. Die Predigt hat im evangelischen Gottesdienst deshalb eine besondere Bedeutung. Beim Glauben geht es nicht um das Mitglauben mit der Kirche oder kirchlichen Instanzen, sondern um die persönliche Aneignung der in Christus geschenkten und durch Wort und Sakrament vermittelten Rechtfertigung des Sünders. Die evangelische Kirche sieht sich in der apostolischen Sukzession (Nachfolge der Apostel) stehend, nicht aber durch einen rituellen Vollzug (Handauflegung), sondern im Festhalten an der apostolischen Lehre, wie sie in der Bibel überliefert ist.

Gegründet wurde die Evangelische Kirche von Jesus und den Aposteln. Martin Luther oder die anderen Reformatoren waren nicht Kirchengründer, sondern Persönlichkeiten, die die Kirche auf die wesentlichen biblischen Grundlagen zurückgeführt haben.

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Aufbau

Heute gibt es in Österreich zwei Kirchen, die in dieser Tradition stehen. Die Evangelische Kirche A.B. in Österreich und die Evangelische Kirche H.B. in Österreich. Die Buchstaben A.B. stehen für Augsburger Bekenntnis und bezeichnen die Tradition der von Martin Luther geprägten Reform, die Buchstaben H.B. stehen für Helvetisches Bekenntnis und gehen auf die Schweizer Reform mit Johannes Calvin und Ulrich Zwingli zurück. Beide Kirchen sind selbständig, leben aber in voller Kirchengemeinschaft, das heißt, lutherische oder reformierte Pfarrer können auch in der jeweils anderen Kirche Pfarrer sein und wo es keine reformierte Gemeinde gibt, wie zum Beispiel in Niederösterreich, leben reformierte Christen in den A.B. Gemeinden mit.

Beide Kirchen sind synodal-presbyterial aufgebaut. Sie basieren auf einer demokratischen Grundstruktur. Auf allen Ebenen der Kirche arbeiten geistliche Amtsträger (Pfarrer und Pfarrerinnen, Superintendent, Bischof) und sogenannte Laien gleichberechtigt zusammen. Alle Fragen des Zusammenlebens und der Organisation werden von den entsprechenden Gremien geregelt. Vorgegeben und von keiner kirchlichen Instanz änderbar sind die Bibel und die Bekenntnisschriften.

Die größere Evangelische Kirche A.B. ist in drei Ebenen gegliedert. Basis sind die knapp 200 Pfarrgemeinden, die jeweils von einem Presbyterium geleitet werden, dem die Pfarrer und Pfarrerinnen und gewählte Vertreter der Gemeinden angehören. Der Zusammenschluss mehrerer Gemeinden heißt Diözese oder Superintendenz. Insgesamt gibt es sieben Diözesen (Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark, Kärnten, Oberösterreich und Salzburg/Tirol), an deren Spitze jeweils ein Superintendent (Diözesanbischof) als geistlicher Leiter steht. Gesamtösterreichisch wird die Evangelische Kirche A.B. vom Bischof repräsentiert, der Kirchenleitung gehören ferner zwei geistliche und drei weltliche Oberkirchenräte an. Das höchste gesetzgebende Gremium ist die Synode, die paritätisch aus Geistlichen, darunter der Bischof und die Superintendenten, und weltlichen Vertretern besetzt ist.

Jede Ebene erledigt die ihr zukommenden Aufgaben. Jede kommuniziert aber auch nach oben und nach unten mit ihren Erfahrungen, Berichten und Vorschlägen. Diese Ordnung ermöglicht jedem einzelnen und auch jeder Gemeinde die Mitgestaltung der Kirche und des kirchlichen Lebens.

Aufbau der Evangelischen Kirche

Die Evangelische Kirche H.B. besteht aus 9 Gemeinden mit Schwerpunkt in Wien und Vorarlberg und wird vom Landessuperintendenten geführt.

Alle Ämter in der Evangelischen Kirche werden durch Wahl besetzt. So sind alle Mitglieder einer Gemeinde ab dem 14. Lebensjahr und nach erfolgter Konfirmation berechtigt, ihren Pfarrer oder ihre Pfarrerin selbst zu wählen. Die Superintendenten werden von der Diözesansynode, der Bischof von der gesamtösterreichischen Synode gewählt. Alle Ämter stehen in der Evangelischen Kirche auch Frauen offen.

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Geschichte

In Österreich hat die Evangelische Kirche eine sehr wechselvolle Geschichte. Luthers Rückbesinnung auf biblische Grundlagen wurde durch Handwerker, Kaufleute und Studenten, begünstigt durch die Erfindung des Buchdrucks, verbreitet und fand sehr rasch viele Anhänger. Ende des 16. Jahrhunderts waren etwa 90 Prozent der Bevölkerung Niederösterreichs evangelisch. Die systematische und massive Gegenreformation der Habsburger, die mit Beginn des 17. Jahrhunderts einsetzte, stellte die Evangelischen vor die Alternative Glaube oder Heimat. Viele verließen das Land, einige wurden wieder römisch-katholisch, einige bewahrten ihren Glauben über mehrere Generationen im Untergrund und geheim. Diese "Geheimprotestanten" waren im Jahr 1781 der Grundstock der Evangelischen Kirche, nachdem Kaiser Joseph II mit dem Toleranzpatent wieder evangelisches Leben in Österreich möglich gemacht hat.

Auf dem Boden des heutigen Österreich waren es etwa 40 000 Menschen, die sich nach der Zeit der Unterdrückung als evangelische Christen gemeldet haben und evangelische Gemeinden und Evangelische Kirche wieder errichteten und aufbauten. Heute zählt die Evangelische Kirche in Österreich zu den staatlich anerkannten Kirchen. Sie lebt als freie Kirche im freien Staat. Ihre Beziehungen zum Staat Österreich sind im 1961 vom österreichischen Parlament verabschiedeten Protestantengesetz geregelt. Darin ist unter anderem festgehalten das Recht der Kirche, eigene Angelegenheiten selbst zu regeln, Religionsunterricht zu erteilen, Krankenhausseelsorge zu machen und Kirchenbeiträge einzuheben.

Heute gehören in Österreich etwa 350.000 Menschen zur Evangelischen Kirche A.B., etwa 15.000 Mitglieder zur Evangelischen Kirche H.B, insgesamt bekennen sich also knapp fünf Prozent der Österreicher zur Evangelischen Kirche. In Niederösterreich sind rund 45.000 Menschen evangelisch, das sind 3 Prozent der Gesamtbevölkerung.

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Im Zeitraffer - Evangelisch in Niederösterreich

Römerzeit: Erste Christen in Niederösterreich

1517 Durch Adelige, Handwerker und Studenten kommen die Grundsätze der Reform der Kirche schon bald nach der Veröffentlichung der 95 Thesen im Jahr 1517 durch Martin Luther nach Niederösterreich.

1557 Ökumenische Adelshochzeit in St. Pölten.

David Chyträus

1562 Erste evangelische "Bekenntnisschrift" in Niederösterreich, verfasst vom Rosenburger Schlosspredigers Christoph Reuter.

1568 Kaiser Maximillian II. gewährt den ober- und niederösterreichischen adeligen Ständen in mündlicher Form die "Religionskonzession": Erlaubnis, in ihren Schlössern und Kirchen evangelische Gottesdienste zu halten.

1571 Abschluss des Drucks der von David Chytraeus und Christoph Reuter ausgearbeiteten evangelischen "Kirchenagenda" (Sammlung der Gebete und Ordnungen für die Gottesdienste) für Niederösterreich. Maximilian II. bestätigt am 14. Jänner in der Religionsassekuration den Niederösterreichischen adeligen Ständen (Herren und Rittern) die Rechte im Blick auf die Einrichtung eines protestantischen Kirchenwesens.

1574 Die evangelische Schule in Loosdorf erhält eine Schulordnung. In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts organisierte sich die Evangelische Kirche in unserem Bundesland: Kirchen wurden gebaut, eine Kirchenordnung verfasst und Schulen gegründet. Glaube und Bildung gehörten von Anfang an zusammen.

1580 Etwa neun Zehntel der Adeligen im Lande bekennen sich als evangelisch; von der Waldviertler Bevölkerung dürften etwa drei Viertel als evangelisch anzusehen sein, in den anderen Landesvierteln jedenfalls mehr als die Hälfte.

1590 Bestellung von Melchior Khlesl zum Direktor der neu errichteten (Gegen-) Reformationskommission im Land unter der Enns. Beginn einer langsamen Verschlechterung des Klimas. Auseinandersetzung und Tumulte u. a. in Waidhofen/Ybbs wegen der Religion.

1627 Ausweisung aller evangelischer Schulmeister und Prediger und Verpflichtung aller evangelischen Adeligen, nur mehr katholische Priester auf ihre Lehenspfarren zu präsentieren (landesfürstliche Patente).

1652 Landesfürstliche Patente vom 4. Jänner zur endgültigen Katholisierung des Landes. Einrichtung von "Reformationskommissionen" für jedes Landesviertel zur systematischen Katholisierung der Bewohner. Evangelische müssen das Land verlassen oder römisch-katholisch werden. Tausende Evangelische verlassen Niederösterreich und siedeln sich in Franken an. Die Zeit des Geheimprotestantismus beginnt.

Raxkönig Georg Hubmer

1740 Eine besondere Geschichte dieser Zeit sind die Holzknechte im Gebiet Mitterbach, Ulreichsberg, St. Aegyd, Lahnsattel und Naßwald. Sie wurden wegen ihrer Kompetenz von den katholischen Großgrundbesitzern (Stifte, Adelige) ins Land geholt und bildeten nach 1781 das Zentrum der Evangelischen in Niederösterreich. Besonders bekannt ist der Raxkönig Georg Hubmer in Naßwald, der nicht nur die runden Fenster der Kirche durchsetzte und Holz aus dem Raxgebiet bis nach Wien schwemmte, sondern auch den ersten alpenländischen Tunnel baute. An der Stelle des Stolleneingangs beim Gscheidl wird jedes Jahr ein Gottesdienst zur Erinnerung abgehalten.

1781 Toleranzpatent Kaiser Joseph II. Die über Generationen im Geheimen lebenden Protestanten können sich wieder zu ihrem Glauben bekennen. In Niederösterreich sind es nur einige Hundert.

Evangelische Kirche in Mitterbach

1785 Die erste niederösterreichische Toleranzgemeinde wird in Mitterbach gegründet.

1861 Protestantenpatent und prov. Kirchenverfassung; Gründung des Gustav-Adolf-Vereins in Österreich. Kontinuierliches Wachstum, Gemeindegründungen und Kirchenbauten prägten die folgenden Jahrzehnte, vor allem durch die Industrialisierung um 1900.

1947 Teilung der "Wiener Superintendenz" in die selbständigen Diözesen Wien, Niederösterreich, Steiermark und Kärnten. Die Diözese Niederösterreich hat in 16 Gemeinden rund 32.000 Mitglieder.

1961 Protestantengesetz. Die Evangelische Kirche in Österreich wird gleichberechtigt.

1998 Die Superintendentur wird von Bad Vöslau nach St. Pölten verlegt.

2007 Die Evangelische Kirche in Niederösterreich hat in 26 Gemeinden rund 42.000 Mitglieder.

Kindersegnung

Heute: Evangelisch in Niederösterreich heute, das ist eine Kirche, in der Menschen miteinander unterwegs sind, gemeinsam feiern, nach den Herausforderungen fragen und die sich einbringt, in ihre Gemeinschaft und in die Gesellschaft. Es ist eine einladende, freundliche Kirche, die auf dem Fundament ihrer Herkunft den Dialog lebt, im Aufbruch zum Menschen ihre missionarische Kompetenz zeigt und im Angebot der Seelsorge die Nachfolge Christi verwirklicht.

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Schwerpunkte kirchlicher Arbeit - Gegenwart Evangelische Kirche in Waidhofen an der Thaya

Die Evangelische Kirche kennt nach dem biblischen Zeugnis zwei Sakramente, die Taufe und das Abendmahl. Im Mittelpunkt des Gemeindelebens steht der Gottesdienst und die Bezeugung des Evangeliums von Jesus Christus als befreiende Botschaft für die Menschen in Wort und Tat. Dem diakonischen Engagement kommt dabei besondere Bedeutung zu. Die Führung von Behinderteneinrichtungen, Pensionistenheimen, Krankenhäusern und der Einsatz für Flüchtlinge und Asylsuchende sind konkrete Beispiele dafür. Die Flüchtlingsarbeit ist vor allem in Niederösterreich mit Beratungsstellen in Traiskirchen, St. Pölten und Mödling, einem Haus für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Hirtenberg sowie der Schubhaftbetreuung in verschiedenen Justizanstalten stark ausgebaut.

Evangelische Kirche in Niederösterreich: Entwicklung des Mitgliederstandes 1947 bis 2007

Zu den Grundprinzipien der Evangelischen Kirche gehört die Selbstverantwortlichkeit eines jeden einzelnen Christen in seiner Beziehung zu Gott. Notwendig für die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung ist deshalb auch die Bildung und Information der einzelnen Christen. Eigenes Bibellesen und Auseinandersetzungen mit Fragen des Glaubens prägen evangelisches Christsein. Die Evangelische Kirche bekennt sich zum allgemeinen Priestertum, das heißt, jeder getaufte Christ ist zur Verkündigung gerufen. Aber die Kirche kennt auch besondere Ämter und Dienste. Voraussetzung für den Dienst eines Pfarrers oder einer Pfarrerin ist eine theologische Ausbildung und die Ordination durch den Bischof oder Superintendenten. Die Ordination ist die Beauftragung der Kirche zum Dienst der öffentlichen Wortverkündigung und zur Sakramentsverwaltung.

Kirche ist Gemeinschaft

Neben den großen christlichen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zählen zu besonderen evangelischen Feiertagen der Karfreitag und der Reformationstag am 31. Oktober in Erinnerung an die Veröffentlichung der 95 Thesen von Martin Luther, in denen er Missstände der damaligen Kirche aufgezeigt und zur Reform aufgerufen hat.

Die Evangelische Kirche hat zu keiner politischen Partei ein Naheverhältnis. Sie bekennt sich zur Demokratie als bester Form der Regelung des Zusammenlebens von Menschen und bietet ihre Mitarbeit an. Nähe und Ferne zur Evangelischen Kirche bestimmen die Parteien selbst durch ihre Positionen und politischen Ziele. Bestimmend für die Evangelische Kirche sind dabei Werte wie Solidarität, Achtung und Respekt vor der Würde eines jeden Menschen, unabhängig von seinem Alter, seiner Leistung und seiner Herkunft, sowie das Eintreten für die Erhaltung des Lebens und der Natur als Schöpfung Gottes.

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